Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Dissertationen

Dr. des. Harald Kümmerle (Institutionalisierung der Mathematik in Japan)

Die Institutionalisierung der Mathematik als Wissenschaft im Japan der Meiji- und Taishō-Zeit (2019)

Das Dissertationsprojekt untersucht die Entstehung der Mathematik als  akademische Disziplin und ihre Einbettung im höheren Bildungssystem Japans, das im Zuge der Modernisierung des Landes von Grund auf neu gestaltet wurde. Obwohl die Shogunatsregierung schon seit der Landesöffnung 1854 Unternehmungen durchführte, Wissen aus der westlichen Mathematiktradition in Japan für Industrie und Militär nutzbar zu machen, erfolgte eine Strukturierung des Bildungssystems und die Gründung von Universitäten erst nach der Meiji-Restauration 1868. Im Laufe dieses Prozesses verschwand das aktive Praktizieren der traditionellen japanischen Rechenkunst wasan, in der höhere mathematische Konzepte – d.h.  jenseits des einfachen Rechnens für den Alltagsgebrauch, dessen Erlernen in den Tempelschulen einer breiten Allgemeinheit möglich gewesen war – nicht im Studium der Natur zur Anwendung gebracht, sondern hauptsächlich aus ästhetischen Gründen untersucht wurden.

Das Fundament für die universitäre Mathematik wurde wie in den  Naturwissenschaften zunächst von ausländischen Gastdozenten gelegt.  Bereits nach wenigen Jahren wurde ihre Funktion jedoch von japanischen  Professoren übernommen, die ihr Spezialwissen während eines  Auslandsstudiums erworben hatten und im Folgenden Institutionen  ausgestalteten, in denen international relevante Forschung erbracht  werden konnte. Tatsächlich gelang es der japanischen Mathematik im Jahr  1920, mit der sogenannten Klassenkörpertheorie Takagi Teijis einen  international als bahnbrechend anerkannten Beitrag zu leisten.

Die Dissertation fasst die Institutionalisierung der Mathematik als  akademische Diziplin als vier in parallele Teilprozesse eingeteilt auf (Organisationsbildung, Professionalisierung, Standardisierung und Disziplinierung), sodass gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Vorgaben der internationalen Wissenschaftscommunity miteinbezogen  werden. Mit dieser Herangehensweise und unter Hinzunahme von  Universitätschroniken, Originalpublikationen sowie der Untersuchung von  Schlüsselbiographien soll eine zufriedenstellende, quellengesättigte  Analyse erbracht werden, die über den aktuellen Forschungsstand deutlich  hinausgeht. Denn während zahlreiche Publikationen zur traditionellen  japanischen Mathematik wasan erschienen sind und seit kurzem vestärkt zum japanisch-chinesischen  Austausch im sekundären Bildungssystem geforscht wird, haben Arbeiten zur Entwicklung der höheren Mathematik entweder einen sehr engen Rahmen oder eher Überblickscharakter. Um das Thema bei angemessenem Detailgrad  handhabbar zu machen, lasse ich meine Untersuchung mit der Taishō-Zeit  im Jahr 1926 enden, da das Universitätssystem in den folgenden Jahren  einem großem Wachstum unterworfen war.

Das Projekt wurde finanziell durch ein einjähriges DAAD-Promotionsstipendium sowie durch das DAAD-Programm „Gemeinsam Lesen“ gefördert. Darüber hinaus fand eine unentgeltliche  Förderung am Studienzentrum der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina statt.


Dr. des. Laura Blecken (Diskurse um "Selbst-Verantwortung" in Japan)

Pflichtbewusst" oder "selber schuld"? Diskurse um "Selbst-Verantwortung" in Japan (2019)

Die "Verantwortung" ist Kernelement unserer Ethik und der Begriff  heute so allgegenwärtig wie vieldeutig. Auch in Japan spricht man oft  von sekinin, jedoch teilweise in Zusammenhängen, die im Deutschen befremdlich erscheinen. Vor allem der Begriff jikosekinin ("Selbst-Verantwortung") hat seit den 80er Jahren als Schlüsselwort des Neoliberalismus eine enorme Konjunktur erlebt. "Selbst-Verantwortung"  habe jeder zu tragen: Das Kind, das in der Schule versagt, die  alleinerziehende Mutter, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen  ist, und japanische Mitbürger, die in Kriegsgebieten als Geiseln  genommen werden. Gleichzeitig wird im "Zeitalter von jikosekinin" nach proaktiven Angestellten mit "Selbst-Verantwortung" verlangt, und die Erziehungsreform soll Kinder zu "selbst-verantwortlichen" Menschen machen.

Seine besondere Schlagkraft entwickelt der Begriff im Japanischen  durch seine Bedeutungsvielfalt, die sich aus seiner Geschichte  erschließt: So umfasst jikosekinin nicht nur aufklärerische Komponenten wie "individuelle Freiheit" und "Selbst-Verwirklichung",  sondern auch ältere Konzepte wie ein moralisch fundiertes  "Pflichtbewusstsein" und "eigene Zuständigkeit in der Gesellschaft". Das  Dissertationsprojekt untersucht den jikosekinin-Begriff als  Ideographen - ein "Wort, das als Lager für wichtige Werte fungiert, die  tief verwurzelte Kulturpolitik reflektieren" (HUTCHISON 2013:25; MCGEE  1998). Anhand einer Quellenanalyse wird die Begriffsgeschichte von jikosekinin bis  ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt und zwischen verschiedenen  Bedeutungssträngen unterschieden. Anschließend werden in einem Big Data  Korpus japanische Blog-Artikel mit der Fragestellung ausgewertet,  in welchen gesellschaftlichen Diskursen der Begriff heute eine  prominente Rolle spielt. Die Analyse erfolgt mit Methoden der Digital  Humanities, insbesondere einem auf Themenmodellen basierten  Analyseinstrument, dem TopicExplorer.


Dr. des. Franziska Utomo (Entwicklung der Gourmetkultur in Japan)

Gourmetkultur in Japan – Eine Nation von Gourmets und Foodies (2018)

Tokio ist die Hauptstadt der Gourmets. Seit 2007 gibt es in der  japanischen Hauptstadt mehr Sternerestaurants als in jeder anderen  Stadt. Im Guide Michelin für das Jahr 2012 wurden 247 Restaurants der  Stadt mit den begehrten Sternen ausgezeichnet. Nicht nur Restaurants,  auch die Gourmetabteilungen der Kaufhäuser, zahlreiche Essens- und  Gourmetzeitschriften, Kochshows im Fernsehen oder Blogs im Internet  weisen darauf hin, dass die Feinschmeckerei ein zentraler Aspekt der  japanischen Gesellschaft ist. Das ist kein neues Phänomen. In Japan  entwickelte sich bereits im 14. Jahrhundert ein kulinarisches Umfeld,  das als Gourmetkultur bezeichnet werden kann. Während der Edozeit  öffnete sich dieses Umfeld für bürgerliche Schichten und mit der Meiji-  und Taishōzeit bekam die Masse der Konsumenten Zugang zur Gourmetkultur.  In der Nachkriegszeit fand eine stetige Differenzierung der  Gourmetkultur statt, die bis heute eine immer größere Bandbreite an  Speisen umfasst. Die Entwicklung gipfelt in der so genannten b-kyū gurume-Bewegung,  die sich der Feinschmeckerei zweiter Klasse widmet. Die Bandbreite der  verzehrten Speisen zeichnet sich durch scheinbar gegensätzliche Merkmale  aus. Auf der einen Seite steht die Faszination für Gerichte aus dem  Ausland und deren Domestizierung. Auf der anderen Seite steht die  Hinwendung zu als traditionell japanisch verstandenen Gerichten.

Während sich die historische, sozial- und kulturwissenschaftliche  kulinarische Forschung ausgiebig mit Ländern wie Frankreich, dem  ‚Mutterland der Gourmets‘ oder den USA beschäftigt, finden Japan und  Tokio bisher keine Beachtung in der deutsch- und englischsprachigen  Forschungsliteratur. Diese Forschungslücke zu füllen ist das Ziel der  Doktorarbeit. Die Doktorarbeit zeichnet die Entwicklung der japanischen  Gourmetkultur seit der Edozeit nach und legt dabei besonderes Augenmerk  auf Akteure und Institutionen – wie Restaurants oder Literatur – sowie  den kulinarischen Rahmen – also die Speisen an sich. Mithilfe einer  allgemeinen Charakterisierung von Gourmetkultur werden Gemeinsamkeiten  mit anderen Ländern verdeutlicht, aber auch japanische Besonderheiten  herausgestellt. Das Ziel des Projekts ist eine Bereicherung der  historischen, kultur- und sozialwissenschaftlichen kulinarischen  Forschungslandschaft durch eine Einordnung Japans in den Diskurs um  Gourmetkultur.


Dr. phil. Christian Heideck (Deutsch-Japanische Beziehungen)

"'Deutschland liegt fern im Westen...' Die Japanpolitik der DDR im Zeichen von Wirtschaftsinteressen, 'Nichtanerkennung' und Systemkonkurrenz 1952-1973" (2012)

Ausgehend von der Feststellung, dass bisher wenig Forschung zu den deutsch-japanischen Beziehungen nach 1945 betrieben wurde, setzt die Arbeit bei den Beziehungen zwischen der DDR und Japan von 1952 bis 1973 an. Den Mittelpunkt der Arbeit bildet die Untersuchung der Entstehung einer ostdeutschen Japanpolitk unter den Bedingungen der Nichtanerkennung der DDR bzw. des Ost-West-Konfliktes und eruiert ihre Prämissen, ihre Möglichkeiten, ihre Erfolge und Misserfolge.

Die Dissertation entstand mit finanzieller Förderung durch die Haniel Stiftung.

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