Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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Prof. Dr. Christian Oberländer

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Sozialwissenschaften und historische Kulturwissenschaften
Institut für Politikwissenschaft und Japanologie
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Dissertationen

Laura Blecken, M.A. ("Pflichtbewusst" oder "selber schuld"? Diskurse um "Selbst-Verantwortung" in Japan )

Die "Verantwortung" ist Kernelement unserer Ethik und der Begriff heute so allgegenwärtig wie vieldeutig. Auch in Japan spricht man oft von sekinin, jedoch teilweise in Zusammenhängen, die im Deutschen befremdlich erscheinen. Vor allem der Begriff jikosekinin ("Selbst-Verantwortung") hat seit den 80er Jahren als Schlüsselwort des Neoliberalismus eine enorme Konjunktur erlebt. "Selbst-Verantwortung" habe jeder zu tragen: Das Kind, das in der Schule versagt, die alleinerziehende Mutter, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen ist, und japanische Mitbürger, die in Kriegsgebieten als Geiseln genommen werden. Gleichzeitig wird im "Zeitalter von jikosekinin" nach proaktiven Angestellten mit "Selbst-Verantwortung" verlangt, und die Erziehungsreform soll Kinder zu "selbst-verantwortlichen" Menschen machen.

Seine besondere Schlagkraft entwickelt der Begriff im Japanischen durch seine Bedeutungsvielfalt, die sich aus seiner Geschichte erschließt: So umfasst jikosekinin nicht nur aufklärerische Komponenten wie "individuelle Freiheit" und "Selbst-Verwirklichung", sondern auch ältere Konzepte wie ein moralisch fundiertes "Pflichtbewusstsein" und "eigene Zuständigkeit in der Gesellschaft". Das Dissertationsprojekt untersucht den jikosekinin-Begriff als Ideographen - ein "Wort, das als Lager für wichtige Werte fungiert, die tief verwurzelte Kulturpolitik reflektieren" (HUTCHISON 2013:25; MCGEE 1998). Anhand einer Quellenanalyse wird die Begriffsgeschichte von jikosekinin bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgt und zwischen verschiedenen Bedeutungssträngen unterschieden. Anschließend werden in einem Big Data Korpus japanische Blog-Artikel mit der Fragestellung ausgewertet, in welchen gesellschaftlichen Diskursen der Begriff heute eine prominente Rolle spielt. Die Analyse erfolgt mit Methoden der Digital Humanities, insbesondere einem auf Themenmodellen basierten Analyseinstrument, dem TopicExplorer.


Martin Genzow, M.A. (Die Schneidwarenindustrie in Japan)

Die Forschung zur Schneidwarenindustrie in Japan beschränkt sich meist auf die historische Blankwaffenproduktion, jedoch ist Japan auch heutzutage noch ein weltweit bedeutender Standort der Schneidwarenindustrie. Im Dissertationsprojekt soll die japanische Schneidwarenindustrie im Kontext der Industrialisierung Japans untersucht werden. Zu diesem Zweck soll die Entwicklung der drei bedeutendsten Zentren innerhalb Japans, Seki, Tsubame/Sanjō und Sakai, untersucht werden.
Ferner sollen die japanischen Standorte mit europäischen Schneidwarenzentren verglichen werden, in deren Entwicklung es interessante Parallelen gibt, sowohl in der geschichtlichen Entwicklung als auch aktuelle Herausforderungen der Industrie betreffend.


Sebastian Hofstetter, M. A. (Alternative Pflegeorganisation in Japan)

Aktivitäten von Workers Collectives (u.ä. Organisationen) zur Pflege und Versorgung älterer Menschen in Japan zwischen Vorgaben der Pflegeversicherung und gesellschaftlichem Bedarf – das Fallbeispiel der Workers Collective in Kanagawa (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt untersucht Workers Collectives, die nach dem Prinzip der geteilten Verantwortung versuchen, eine intensive pflegerische Versorgung und die Mitverantwortung des lokalen Gemeinwese und der Gesellschaft zu verbinden. Dabei ist zu beobachten, dass seit Einführung der Pflegeversicherung im Jahr 2000 die Zahl der sich in der (v.a.) ambulanten Pflege engagierenden Workers Collectives beständig zunimmt. Hier setzt diese Arbeit an: Sie lotet Möglichkeiten und Probleme aus, mit denen sich Workers Collectives konfrontiert sehen, die sich in der Pflege älterer Menschen in Japan engagieren.

Die Frage lautet dabei, welche Rolle die Workers Collectives bei der Versorgung älterer Japaner in einer postindustriellen japanischen Gesellschaft spielen und welche Konzepte sie entwickeln, um innovativ die pflegerische Versorgung älterer Menschen zu gewährleisten.

Theorie und methodisches Vorgehen:

Zunächst wird das Thema Workers Collectives in den Kontext einer gegenwärtigen Theoriendiskussion, um neue Wohlfahrtsmixturen verortet. In einem nächsten Schritt wird anhand der Rekonstruktion am Fallbeispiel der Workers Collective Kanagawa aus der gegenwärtigen Praxis dargestellt, welche Formen derzeit die Arbeit der Workers Collectives in Japan annimmt. Eine These der Arbeit stellt dabei die Annahme dar, dass Workers Collectives offensichtlich auf ein „soziales Kapital“ zurückgreifen, das von der Zusammenarbeit mit Freiwilligen und Angehörigen, über die Eintragung als Verein bis hin zu lokalen Partnerschaften mit anderen Organisationen reicht.

Abschließend soll diskutiert werden, ob Workers Collectives eine sinnvolle Alternative zu herkömmlichen Pflegeangeboten für Ältere darstellen und so drängenden Problemen der japanischen Überalterungsgesellschaft entgegengewirkt werden kann.

Das Dissertationsprojekt wurde durch zwei Kurzzeitstipendien des DAAD „Partnerschaften mit Korea und Japan“ im Jahr 2012 und 2014 gefördert. 2013/14 wurde das Dissertationsprojekt durch ein Stipendium der Max-Weber-Stiftung am DIJ in Tōkyō unterstützt. Das Dissertationsprojekt wurde außerdem mit Mitteln der Haniel-Stiftung gefördert.


Harald Kümmerle, M. A. (Institutionalisierung der Mathematik in Japan)

Die Institutionalisierung der höheren Mathematik im Japan der Meiji- und Taishō-Zeit (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt untersucht die Entstehung der Mathematik als akademische Disziplin und ihre Einbettung im höheren Bildungssystem Japans, das im Zuge der Modernisierung des Landes von Grund auf neu gestaltet wurde. Obwohl die Shogunatsregierung schon seit der Landesöffnung 1854 Unternehmungen durchführte, Wissen aus der westlichen Mathematiktradition in Japan für Industrie und Militär nutzbar zu machen, erfolgte eine Strukturierung des Bildungssystems und die Gründung von Universitäten erst nach der Meiji-Restauration 1868. Im Laufe dieses Prozesses verschwand das aktive Praktizieren der traditionellen japanischen Rechenkunst wasan, in der höhere mathematische Konzepte – d.h. jenseits des einfachen Rechnens für den Alltagsgebrauch, dessen Erlernen in den Tempelschulen einer breiten Allgemeinheit möglich gewesen war – nicht im Studium der Natur zur Anwendung gebracht, sondern hauptsächlich aus ästhetischen Gründen untersucht wurden.

Das Fundament für die universitäre Mathematik wurde wie in den Naturwissenschaften zunächst von ausländischen Gastdozenten gelegt. Bereits nach wenigen Jahren wurde ihre Funktion jedoch von japanischen Professoren übernommen, die ihr Spezialwissen während eines Auslandsstudiums erworben hatten und im Folgenden Institutionen ausgestalteten, in denen international relevante Forschung erbracht werden konnte. Tatsächlich gelang es der japanischen Mathematik im Jahr 1920, mit der sogenannten Klassenkörpertheorie Takagi Teijis einen international als bahnbrechend anerkannten Beitrag zu leisten.

Die Dissertation fasst die Institutionalisierung der Mathematik als akademische Diziplin als vier in parallele Teilprozesse eingeteilt auf (Organisationsbildung, Professionalisierung, Standardisierung und Disziplinierung), sodass gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Vorgaben der internationalen Wissenschaftscommunity miteinbezogen werden. Mit dieser Herangehensweise und unter Hinzunahme von Universitätschroniken, Originalpublikationen sowie der Untersuchung von Schlüsselbiographien soll eine zufriedenstellende, quellengesättigte Analyse erbracht werden, die über den aktuellen Forschungsstand deutlich hinausgeht. Denn während zahlreiche Publikationen zur traditionellen japanischen Mathematik wasan erschienen sind und seit kurzem vestärkt zum japanisch-chinesischen Austausch im sekundären Bildungssystem geforscht wird, haben Arbeiten zur Entwicklung der höheren Mathematik entweder einen sehr engen Rahmen oder eher Überblickscharakter. Um das Thema bei angemessenem Detailgrad handhabbar zu machen, lasse ich meine Untersuchung mit der Taishō-Zeit im Jahr 1926 enden, da das Universitätssystem in den folgenden Jahren einem großem Wachstum unterworfen war.

Das Projekt wird finanziell durch ein einjähriges DAAD-Promotionsstipendium sowie durch das DAAD-Programm „Gemeinsam Lesen“ gefördert. Darüber hinaus findet eine unentgeltliche Förderung am Studienzentrum der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina statt.


Anne Lange, M. A. (Neue Religionen der Zwischenkriegszeit in Japan)

Die Meidōkai

– Untersuchung einer Neuen Religion der Zwischenkriegszeit –

(Arbeitstitel)

Die Forschung zu Neuen Religionen in Japan konzentrierte sich bisher vor Allem auf die Aufarbeitung der Religionsgeschichte der späten Edo- sowie der Meiji-Zeit. Die Zwischenkriegszeit rückte bei der Betrachtung der Geschichte der Neuen Religionen bisher kaum in das Blickfeld der Forscher, obwohl gerade im Zeitraum von Mitte der Taishō-Zeit bis zum Ausbruch des Zweiten Sino-Japanischen Krieges einen sprunghaften Anstieg der Zahl neureligiöser Gruppierungen beobachtet werden kann. Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen des Dissertationsprojekts ein Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte der Neuen Religionen der Zwischenkriegszeit geleistet werden. Als Untersuchungsobjekt dient dabei die in der Forschung noch wenig beachtete Meidōkai, eine 1928 von dem Arzt Kishi Ichita gegründete Neue Religion. Betrachtet werden sollen schwerpunktmäßig die Gründungs- und Etablierungsphase der Meidōkai sowie die Phase der Verfolgung, also der Zeitraum zwischen 1928 und 1931/32. Da die Meidōkai im Hinblick auf ihre Gründung, Etablierung und Verfolgung einen Schnittpunkt verschiedener gesellschaftlicher Phänomene und Prozesse bildet, kann sich ihre Untersuchung als besonders fruchtbar erweisen um einen Einblick in die Entwicklungen in der japanischen Gesellschaft, Wissenschaft und Religionspolitik der frühen Shōwa-Zeit zu erlangen.

Das Dissertationsprojekt wird mit Mitteln der Haniel-Stiftung gefördert.


Stefan Peßler, M. A. (Entwicklung der Vokalharmonie im Japanischen)

Das altaische Japan
– Zu den Relikten der altaischen Vokalharmonie im Altjapanischen –

Die  typologische Zuordnung der japanischen Sprache zur Gruppe der  altaischen Sprachen gründet sich auf signifikante Übereinstimmungen im  Bereich von Morphologie, Syntax und Lexik. Ein Merkmal der altaischen  Sprachen, welches das Japanische allerdings vermissen läßt, ist  Vokalharmonie. Mit Blick auf den Lautbestand des Altjapanischen (7./8.  Jahrhundert), insbesondere auf die charakteristische Phonotaktik der  Vokale, soll gezeigt werden, daß es sich hierbei um Reste einer  Vokalharmonie handelt, die ihren Ursprung in den altaischen Sprachen  hat.
Das Dissertationsprojekt wird mit Mitteln der Haniel-Stiftung und des DAAD gefördert.


Britta Stein, M.A.

Der Einfluss zentral- und nordostasiatischer Reiternomaden auf  Japan während der zweiten Hälfte der Kofun-Zeit - Protoglobalisierung,  Handel und Migration in Eurasien (Arbeitstitel)

Das Projekt wird durch 18-monatiges Promotionsstipendium der Gerda Henkel Stiftung gefördert.


Juliane Schulz, M. A. (Volksabstimmungen und direkte Demonkratie in Japan)

Japans „neue“ neue soziale Bewegung – Mobilisierungs- und Handlungsstrategien zur Ausweitung der direkten Demokratie in Japan: Die Bürgergruppe Minna de kimeyō ‚genpatsu‘ kokumin tōhyō (Arbeitstitel)

Eine der neuen sozialen Bewegungen, die nach der Dreifachkatastrophe 2011 in Japan entstanden ist, ist die Bürgergruppen Minna de kimeyō ‚genpatsu‘ kokumin tōhyō, die im Juni 2011 in Tōkyō gegründet wurde. Diese Bürgergruppe fordert, in die Entscheidung über die Zukunft der Kernenergie auf lokaler/kommunaler und nationaler Ebene direktdemokratische Elemente einzubeziehen. Das primäre Ziel der Bürgergruppe ist jedoch nicht die Abschaffung der Kernenergie an sich, sondern die Aufklärung und die Mobilisierung der Bürger, sich an der politischen Willensbildung zu beteiligen und die direktdemokratische Einflussnahme als Mittel der Partizipation einzufordern. Dabei unterscheiden sich die Aktivitäten von Minna de kimeyō ‚genpatsu‘ kokumin tōhyō grundlegend von anderen sozialen Bewegungen im Umfeld der Kernenergie-Problematik.

Am Fallbeispiel der Bürgergruppe Minna de kimeyō ‚genpatsu‘ kokumin tōhyō wird in diesem Dissertationsprojekt untersucht, ob die Aktivitäten neuer sozialer Bewegungen zu einer Ausweitung der direkten Demokratie in Japan führen können. Es wird analysiert, welche Methoden der Kommunikation und welche Strategien zur Erreichung des politischen Ziels durch die Bürgergruppe ergriffen werden. Des Weiteren wird herausgearbeitet, welche Eigenschaften die Bürgergruppe Minna de kimeyō ‚genpatsu‘ kokumin tōhyō kennzeichnen und was das Neue und Charakteristische an dieser sozialen Bewegung ist. In diesem Zusammenhang wird der Frage nachgegangen, wer die Mitglieder sind, was ihre Motive sind und welche Strategien zur Identitätsbildung innerhalb der Gruppe herangezogen werden.

Mit der Analyse dieser Mobilisierungs- und Handlungsstrategien der Bürgergruppe wird der Frage nachgegangen, ob die Aktivitäten zur Ausweitung direktdemokratischer Elemente und die Mobilisierung des Volkes eine Chance im Umgang mit den sozialpolitischen Problemen Japans darstellt.

Das Dissertationsprojekt wurde durch zwei Kurzzeitstipendien des DAAD „Partnerschaft mit Korea und Japan“ im Jahr 2012 und 2014 gefördert. 2015 wird das Dissertationsprojekt mittels eines dreimonatigen Stipendiums am DIJ in Tōkyō unterstützt.


Franziska Steffen, M. A. (Neue Religionen und Medizin in der Meiji-Zeit)

Inshi Tenri Renmon Kyō - zwischen Aberglaubensvorwurf und Religionsanerkennung. Die Formierungsphase der Neuen Religionen Tenrikyō und Renmonkyō als Teil der ‚magischen Moderne‘ Japans“

Die Neuen Religionen (shinshūkyō) Japans, die sich seit ihrer Entstehung im 19. Jh. wachsender Mitgliederzahlen erfreuen, sind im Zeitalter der erklärten Rationalisierung ein faszinierendes, jedoch v.a. unter dem Sektenbegriff studiertes Phänomen. Ausgangspunkt dieses Forschungsprojekts ist die Beobachtung, dass der historischen Forschung die Verortung der Neuen Religionen in der Moderne nicht schlüssig gelingt, weil sie auf ideologisch aufgeladenen, überholten Theorien beruht. Diese sind erstens die Idee einer ausschließlich rationalen Moderne in Weberschen Sinne, die die Frage nach dem Wesen von Magie und Aberglauben in der Moderne von vorneherein ausblendet. Zweitens geht es um die Verwendung eines nach dem Christentum modellierten westlichen Religionsbegriffs, der oft unreflektiert auf die Religionen der Edo- und Meiji-Zeit übertragen wurde. Beide Theorien dienten dazu, die Neuen Religionen trotz oder gerade wegen ihrer ersten Blütezeit um die Jahrhundertwende aus der Moderne auszuschließen.

Mithilfe eines neutral (bzw. als Zuordnung) verstandenen Magiebegriffs soll sich daher mit der Geschichte des sich formierenden Aberglaubensbegriffs in der japanischen Moderne befasst werden, um aus dem o.g. theoretischen Dilemma auszubrechen. Begreift man den Aberglaubensvorwurf als diskursives Instrument, lässt sich anhand von zwei gewählten Beispielen, den Neuen Religionen Renmonkyō und Tenrikyō, der Meiji-zeitliche Diskurs um Aberglauben fassen und somit das Wesen einer „magischen Moderne“ offenlegen.


Franziska Utomo, M. A. (Entwicklung der Gourmetkultur in Japan)

Gourmetkultur in Japan – von der Elite zur Masse

Tokio ist die Hauptstadt der Gourmets. Seit 2007 gibt es in der japanischen Hauptstadt mehr Sternerestaurants als in jeder anderen Stadt. Im Guide Michelin für das Jahr 2012 wurden 247 Restaurants der Stadt mit den begehrten Sternen ausgezeichnet. Nicht nur Restaurants, auch die Gourmetabteilungen der Kaufhäuser, zahlreiche Essens- und Gourmetzeitschriften, Kochshows im Fernsehen oder Blogs im Internet weisen darauf hin, dass die Feinschmeckerei ein zentraler Aspekt der japanischen Gesellschaft ist. Das ist kein neues Phänomen. In Japan entwickelte sich bereits im 14. Jahrhundert ein kulinarisches Umfeld, das als Gourmetkultur bezeichnet werden kann. Während der Edozeit öffnete sich dieses Umfeld für bürgerliche Schichten und mit der Meiji- und Taishōzeit bekam die Masse der Konsumenten Zugang zur Gourmetkultur. In der Nachkriegszeit fand eine stetige Differenzierung der Gourmetkultur statt, die bis heute eine immer größere Bandbreite an Speisen umfasst. Die Entwicklung gipfelt in der so genannten b-kyū gurume-Bewegung, die sich der Feinschmeckerei zweiter Klasse widmet. Die Bandbreite der verzehrten Speisen zeichnet sich durch scheinbar gegensätzliche Merkmale aus. Auf der einen Seite steht die Faszination für Gerichte aus dem Ausland und deren Domestizierung. Auf der anderen Seite steht die Hinwendung zu als traditionell japanisch verstandenen Gerichten.

Während sich die historische, sozial- und kulturwissenschaftliche kulinarische Forschung ausgiebig mit Ländern wie Frankreich, dem ‚Mutterland der Gourmets‘ oder den USA beschäftigt, finden Japan und Tokio bisher keine Beachtung in der deutsch- und englischsprachigen Forschungsliteratur. Diese Forschungslücke zu füllen ist das Ziel der Doktorarbeit. Die Doktorarbeit zeichnet die Entwicklung der japanischen Gourmetkultur seit der Edozeit nach und legt dabei besonderes Augenmerk auf Akteure und Institutionen – wie Restaurants oder Literatur – sowie den kulinarischen Rahmen – also die Speisen an sich. Mithilfe einer allgemeinen Charakterisierung von Gourmetkultur werden Gemeinsamkeiten mit anderen Ländern verdeutlicht, aber auch japanische Besonderheiten herausgestellt. Das Ziel des Projekts ist eine Bereicherung der historischen, kultur- und sozialwissenschaftlichen kulinarischen Forschungslandschaft durch eine Einordnung Japans in den Diskurs um Gourmetkultur.

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