Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

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DoktorandInnen

  • Anja Sips

"Politische Sozialisation | Politische Bildung in Japan"

  • Tina Hügel

"Entwicklung und Ergebnisse lokaler Anti-Atomkraft-Bewegungen in Japan am Beispiel von Maki und Rokkasho"

  • Nicole Terne

"Von Hiroshima nach Fukushima - Die nuklearen Opfer Japans"

  • Mai Aoki

"Globale NGO (INGO) in Japan – Lokale, nationale und globale Öffentlichkeit in Japan am Beispiel von Amnesty International Japan" (DFG)

Kurzbeschreibung:

Zahlreiche Versuche der internationalen NGOs (INGOs) sind bekannt, auf der internationalen zivilgesellschaftlichen Ebene einen weltweit effektiven (Wert-) Standard zu generieren, nach dem die INGOs ihre Missionen global durchführen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: ISO-14001 (sog. „Umwelt-Passport“ durch ISO), FSC-Zertifikat für nachhaltige Forstwirtschaft, der Beitrag von Amnesty International zum Erstellungsprozess der UN-Antifolterkonvention u. a. Viele dieser Beiträge haben zwar keine rechtliche Verbindlichkeit, aber sie beeinflussen indirekt die verschiedenen Entscheidungsprozesse auf der nationalen und internationalen Ebene.

Dieser Vorgang wird als der Herstellungsprozess der „universalen Angemessenheit“ betrachtet, durch welche die INGOs ihre transnationalen Aktivitäten legitimieren. Ihre Handlungsarena wird „die globale, nicht-institutionalisierte Öffentlichkeit“ genannt, in der alle möglichen zivilgesellschaftlichen Selbstorganisationen, wie NGOs, Berufsgenossenschaften (Bsp. Anwaltskammern), Gewerkschaften und religiöse Institutionen agieren (das Adjektiv „nicht-institutionalisiert“ (hi-seido-teki) wird hier im rechtlich-verbindlichen Zusammenhang verwendet).

Die Analyse der Zivilgesellschaft in Japan unter diesem Aspekt ist angesichts der Tatsache sehr wichtig, dass nicht wenige weltweit aktive INGOs, die in Japan eine Zweigstelle, Sektion bzw. ein offizielles Kooperationsbüro unterhalten, auffällig wenig Mitglieder in Japan haben und in der lokalen Zivilgesellschaft nur schwer Partnerschaften bilden können. Der in der Literatur unterstützte Standpunkt, dass die Eingliederung einer lokalen Zivilgesellschaft in die globale Zivilgesellschaft die Reifung und Selbstständigkeit der zivilgesellschaftlichen Struktur voraussetzt, soll dabei systematisch analysiert werden. Gleichzeitig darf auch die Möglichkeit nicht außer Acht gelassen werden, dass die globale Zivilgesellschaft als Ausbildungs- und Schulungsplatz für lokale zivilgesellschaftliche Akteure fungiert. Die beiden Aspekte – einerseits Reifungs- bzw. Schulungsprozess der Zivilgesellschaft und andererseits ihre Eingliederungsprozess in die globale Zivilgesellschaft –  sind synchrone Phänomene. Die gängige Hypothese, dass sie im unmittelbaren Zusammenhang miteinander stehen, sollen in der Dissertation strukturell geprüft und erläutert werden.

  • Karoline Haufe

"Partizipative Innovationen in Japan: Repräsentative, deliberative Beteiligungsformen als Motivatoren für zivilgesellschaftliches Engagement?" (DFG)

Kurzbeschreibung:

Vor dem Hintergrund aktueller Strukturkrisen von Demokratien, die sich in Legitimitätsdefiziten, sinkendem Vertrauen in ihre Institutionen und abnehmender Effizienz von Entscheidungsprozessen äußern, werden verstärkt seit den 1990er Jahren neue Formen des Einbeziehens der Bürger in Prozesse von Willensbildung, Planung und Entscheidung als auch die Stärkung von Möglichkeiten der Mitbestimmung und Mitgestaltung selbst diskutiert. Im Vordergrund steht die Vitalisierung der Demokratie durch mehr Partizipation, durch Inklusion unterschiedlicher Interessen in Entscheidungen von Bürokratie und Politik mittels neuer Beteiligungsformen. Gemeint ist eine Erweiterung von politischer Partizipation und bürgerschaftlichem Engagement im Sinne einer gesellschaftlichen Vision aber auch einer Zielperspektive politischen Handelns.

Die Dissertation untersucht deliberative und zudem repräsentative Beteiligungsverfahren (mini publics). Sie stellen eine Erweiterung bisheriger kooperativer Beteiligungsverfahren dar, da die so genannte „silent majority“ mobilisiert werden kann, und so bisher immer wieder beobachtbare ungleiche Beteiligungsmuster egalisiert werden können. Diese partizipativen Innovationen finden in Japan erst seit den späten 1990er Jahren auf lokaler Ebene Anwendung. Im Rahmen der Dissertation steht die Planungszelle (shimin tōgikai) als eines von seit 2005 in Japan angewendeten, repräsentativen, deliberativen Beteiligungsverfahren, bei dem die Zufallsstichprobe bei der Auswahl der Beteiligten zugrunde liegt, im Fokus der Analyse. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Teilnahme an Planungszellen ein motivierendes Moment für weiterführendes zivilgesellschaftliches und politisches Engagement sein kann. Analysiert werden Erfolg und die Auswirkungen dieser deliberativen Partizipationsform (shimin tōgikai, Planungszelle), die seitens der beteiligten Akteure (Bürger, Verwaltung, neutrale Träger) zugesprochen bzw. erfahren werden. Inwieweit dienen Planungszellen als „civic learning spaces“? Verfügen die Teilnehmer über mehr demokratische Fertigkeiten wie Wissen, Toleranz oder Fairness?

  • André Hertrich

"Soldatische Tradition und demokratische Werte in den Aufbaujahren der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte" (DFG)

Kurzbeschreibung:

Fragt man nach der militärischen Tradition der Kaiserlichen Armee und der Kaiserlichen Marine in den japanischen Selbstverteidigungsstreitkräften[1], ergeben sich zwei sehr unterschiedliche Befunde. Nach offizieller Lesart gilt die Gründung der SDF in den 1950er Jahren als militärischer Neuanfang ohne jeglichen Bezug zur japanischen Militärgeschichte vor 1945. In der Öffentlichkeit gibt sich die jieitai als "geschichtslose" Organisation, die Kontinuität von militärischen Tugenden und Werten wird dabei heruntergespielt oder gar negiert. Ein Generalleutnant a.D. des Heeres (GSDF) erläuterte in einem Interview: "Das Jahr 1945 stellte eine Wasserscheide dar. Die Kaiserliche Armee hörte auf zu existieren und die Nachkriegs-Selbstverteidigungsstreitkräfte sind eine vollständig neue Organisation."

Betrachtet man jedoch die Historischen Museen (shiryôkan) der SDF, die sich in Kasernen und auf Stützpunkten befinden und zu denen die Öffentlichkeit meist nur eingeschränkt Zugang hat, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Dort bezeugen Uni-formen, Fahnen oder Waffen der Kaiserlichen Armee oder Marine die über siebzig-jährige, wechselvolle und kriegerische Geschichte des japanischen Militärs. Häufig werden kriegerische Leistungen aus der japanischen Militärgeschichte bis 1945 unkritisch dargestellt, wenn nicht sogar glorifiziert. So etwa dienen ausgestellte Abschiedsbriefe junger kamikaze-Piloten dazu, diese als unverzagte, mutige und entschlossene Soldaten zu präsentieren, die sich aus Loyalität zum Tenno auf feindliche Schiffe stürzen möchten. Diese positive Darstellung der Tugenden aus der Kriegszeit zeigen, dass auch weiterhin soldatische Leitbilder Gültigkeit besitzt, die nur schwerlich mit bürgerlich-demokratischen Idealen in Einklang zu bringen ist.

Als Erinnerungsorte verbinden diese historischen Sammlungen das japanische Nachkriegsmilitär über die Zäsuren von Kriegsniederlage, Demilitarisierung und Wiederbewaffnung hinweg mit den Vorgängerinnen. Indem sie das Erbe der Kaiserliche Armee und Marine bewahren und überliefern, dienen sie der militärischen Traditionspflege in der SDF.

Der Begriff der Tradition umfasst sowohl das Bewahren von Vergangenem in der Gegenwart als auch den Prozess des Übermittelns. Dabei wandelt sich Tradition je nach dem, was als bewahrungswürdig empfunden wird. Sichtbar wird Tradition durch Rituale und Symbole, aber auch als Bezug zu vergangenen Ereignissen und Persönlichkeiten, denen ein Vorbildcharakter zugeschrieben wird. Diese sichtbaren Aspekte verkörpern ein Bündel an Tugenden und Werten, die durch historische Erfahrungen geformt und definiert werden, und somit die Identität und den inneren Zusammenhalt dieser sozialen Gruppe prägen.

Die Kriegsniederlage im Jahre 1945 führte in Japan zu Demilitarisierungs- und Demokratisierungsmaßnahmen der Alliierten. Diese politischen Transformationsprozesse ließen aus einer autoritären, militaristischen Diktatur eine westlich geprägte, parlamentarische Demokratie werden. Mit der  Wiederbewaffnung entstand für die Regierung Yoshida die historische Gelegenheit, eine Neugestaltung der zivil-militärischen Beziehungen vorzunehmen, ohne dass sie, zumindest theoretisch, auf die Interessen und Belange einer bestehenden, waffentragenden Organisation hätten Rücksicht nehmen müssen. In der Praxis jedoch wurden in diese neugeschaffenen Selbstverteidigungsstreitkräfte ehemalige Offiziere des zuvor aufgelösten Kaiserlichen Militärs übernommen. Diese hatten ihre militärische Sozialisation während des Krieges nicht nur in Militärakademien, sondern auch auf dem Schlachtfeld erfahren. Nun prägten diese Soldaten durch ihre Anwesenheit und Mitarbeit in der Aufbauphase der SDF in hohem Maße die militärische Tradition der SDF. In meinem Forschungsvorhaben möchte ich mich auf die Gruppe der ehemaligen Heeres-Offiziere der Kaiserlichen Armee konzentrieren, die während der Aufbauphase der SDF in höchsten Positionen Wiederverwendung fanden. Als Offiziere der Kaiserlichen Armee hielten die meisten zum Zeitpunkt des Kriegsendes den Dienstgrad Oberst inne und wurden häufig mit dem Eintritt in die GSDF zu Generälen ernannt.

Bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit militärischer Tradition lassen sich drei Betrachtungsebenen festmachen. Diese betreffen die Auswahl der als bewahrungswürdig empfundenen Aspekte der Vergangenheit, die Praxis der Traditionsvermittlung und der Frage nach dem funktionalen Aspekt, d.h. der Wirkung der Tradition. Diese Arbeit wird sich mit dem ersten Aspekt befassen und danach fragen, welche Aspekte der Kaiserlichen Armee als traditionsfähig und –würdig empfunden wurden. Welcher General wurde aus welchen Gründen als Vorbild verstanden? Welche Leistungen im Einsatz galten als nachahmenswerter Ausdruck soldatischer Haltung? Welche Tugenden, welche Werte hatten trotz Niederlage noch Bestand? Aber auch das Geschichtsverständnis der Offiziere interessiert: Wie wurde die Rolle des Militärs im Vorkriegsjapan bewertet? Wie wurden historische Ereignisse, wie der Mandschurische Zwischenfall, Nanking, Pearl Harbor oder die Atombomben-abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki bewertet? Und wie Kriegsverbrechen und das Tokyoter Tribunal? Zusammenfassend gefragt: Wie sahen die Narrativen der wieder-verwendeten ehemaligen Offiziere aus? Natürlich spielt auch die Bewertung des neuen demokratischen Systems und die Unterordnung der SDF unter die zivile Kontrolle eine Rolle. Wie werden demokratische Grundwerte und Wertvorstellungen beurteilt? Welche Anforderungen werden an junge SDF-Mitglieder formuliert? Welche Elemente sollte deren Erziehung umfassen? Letztlich geht es um die Frage: Woraus rekurriert sich die Tradition der GSDF in den Anfangsjahren und was sagt dies aus über Akzeptanz oder Ablehnung bürgerlich-demokratischer Werte und somit über Beharrungsvermögen und Wandlungsfähigkeit der untersuchten Offiziere aus?

  • Marianne Peuckert

"Der Bürgerbegriff in Japan nach 1947" (DFG)

Kurzbeschreibung:

In den vergangenen Jahrzehnten fand der Begriff des „Bürgers“ (shimin) in Japan zu verschiedenen Zeitpunkten intensive Beachtung. Die Diskussionen waren dabei stets von einer hohen Erwartungshaltung gegenüber dem nun endlich entstehenden politisch engagierten Bürger geprägt. Er sollte das politische System in Japan durch sein Engagement grundlegend verändern und der „wahren Demokratie“ in Japan zum Durchbruch verhelfen. Die als unzureichend empfundene Realität des japanischen Bürgers (shimin) wurde dabei am in die Geschichte projizierten Idealbild des westlichen Bürgers gemessen.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Konzepte sich hinter den verschiedenen Bezeichnungen für den japanischen Bürger verbergen. Mit den Worten shimin (Bürger) und kokumin (Staatsbürger), sowie mit semantisch benachbarten Bezeichnungen gekoppelte politische Idealvorstellungen sollen expliziert und die Entwicklung des Begriffs des japanischen Bürgers über die vergangenen Jahrzehnte hinweg verfolgt werden. Indem implizite Annahmen über den japanischen (Ideal-)Bürger und die daraus resultierenden Erwartungen offen gelegt werden, können die Grundlagen für ihr (politisches) Selbstverständnis näher beleuchtet werden. Die Ergebnisse dieser Arbeit führen somit zu einer kritischen Neubewertung der gegenwärtigen Rolle des Bürgers im politischen System Japans. Das vertiefte Verständnis für die Selbst- und Fremdwahrnehmung des japanischen (Staats-)Bürgers ermöglicht darüber hinaus Aussagen über sich andeutende Veränderungen der japanischen Demokratie.

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